Die Macht von Social Media und die Hilflosigkeit der traditionellen Medien und #direngeziparkı #direnankara, #direnizmir: Eine Einschätzung des Vereins Alternatif Bilişim (Alternative Informatik)

Am Plan der Istanbuler Stadtverwaltung, in einem der letzten verbliebenen Parks in der Stadtmitte eine Shoppingmall zu bauen, ohne die Betroffenen dabei einzubeziehen, entzündete sich seit Langem ein Protest von Bürgern. Diese versuchten mit friedlichem Protest und der in einer demokratischen Gesellschaft selbstverständlichen Redefreiheit, ihrem Widerspruch zu den Plänen der Stadtverwaltung Ausdruck zu verleihen. Nachdem sie dafür vergangene Woche mit immer größerer Heftigkeit mit Schlagstöcken, Wasserwerfern und Tränengas von der Polizei angegriffen wurden und das Camp im Gezipark mehrfach geräumt wurde, entstand ab dem 30. Mai und besonders nach dem äußerst brutalen Angriff am 31.Mai eine landesweite Unterstützungskampagne über Twitter und Facebook, die sich entlang verschiedenster Facebookgruppen wie “Wir nehmen uns des Geziparks an” und Hashtags wie #direngeziparkı, #occupygezi organisierte. Am Nachmittag des 31.Mai begann auf dem Taksimplatz und auf einigen öffentlichen Plätzen in anderen Städten eine Bewegung des zivilen Ungehorsams, der mit immer größeren Dosen von Tränengas begegnet wurde. Die traditionellen Medien schwiegen dazu, schalteten Kameras und Mikrofone ab und ignorierten die Ereignisse. Das hat damit zu tun, dass die meisten Medien hinsichtlich der Eigentumsverhältnisse in einer wie auch immer gearteten Abhängigkeit zur Regierung oder zu ihrem Klientel stehen oder einfach Angst vor Konsequenzen haben, wenn sie an politischen, ökonomischen, sozialen oder kulturellen Maßnahmen der Regierung Kritik üben. Wenn überhaupt Nachrichten ausgestrahlt wurden, dann waren es offizielle Verlautbarungen und Reaktionen staatlicher Stellen auf die Ereignisse. Die Medien machten sich damit zum provokativen Sprachrohr einer sowieso schon autoritären Form des Regierens. Dies veranlasste die Menschen, auf soziale Medien wie Twitter und Facebook auszuweichen, um sich über die Ereignisse zu informieren. Mittels der Hashtags #direngeziparkı und #occupgezi wurde am 31.Mai in Istanbul, Ankara und Izmir zu Proteste auf öffentlichen und zentralen Plätzen aufgerufen. Mit völlig unverhältnismäßiger Polizeigewalt wurde versucht, diese Proteste zu verhindern.

Von da an wurden die Sozialen Medien auch dazu benutzt, die Polizeigewalt zu dokumentieren und Unterstützung dagegen herzustellen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt gingen Soziale Medien und Straße eine Verbindung ein und waren nicht mehr voneinander zu trennen. Während die Menschen sich auf den Straßen versammelten und organisierten, benutzten sie die Sozialen Medien, um miteinander zu kommunizieren und sich eben die Informationen zu verschaffen, die ihnen die traditionellen Medien vorenthielten.

Warum nimmt Bürgerjournalismus via Sozialer Medien zu und wie genau passiert das? #korkakmedya (Die Medien der Angsthasen)  #bugüntelevizyonuaçmıyoruz (Heute bleibt der Fernseher aus)      

In der Nacht vom 31.Mai auf den 1.Juni haben sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und jeden Alters sowie unterschiedlicher politischer Ansichten an den Protesten beteiligt, die von der Polizei brutal angegriffen und dadurch von Taksim auf angrenzende Stadtteile wie Besiktas ausgedehnt wurden. Die Menschen waren unorganisiert und viele von ihnen bis dahin nie an Demonstrationen beteiligt gewesen. Um Hilfe zu organisieren, sich über den Gang der Ereignisse zu informieren und die Brutalität der Polizei zu dokumentieren wurden ab diesem Moment ausschließlich Soziale Medien benutzt. Es etablierten sich eine Reihe Hashtags, die jeweils eigene Bereiche und Interessen formulierten. Via Facebook wurden fotografisch dokumentierte brutale Szenen verbreitet, Anfragen nach medizinischer Hilfe und Anlaufstellen sowie Maßnahmen gegen das massenhaft benutzte Reiz- und Tränengas sowie Pfefferspray geteilt und Orte aufgezählt, an denen man sich sicher zurückziehen und für einen Moment ausruhen konnte. Auf diese Weise haben die Sozialen Medien die Lücke gefüllt, die das Schweigen der traditionellen Medien hinterlassen hatte. Es war das erste Mal, dass in der Türkei eine solche Menge an Menschen an einer selbst organisierten Massenkommunikation (self-mass communication) teilgenommen hat.

Als am 1.Juni die Internetprovider auf staatlichen Druck hin in Taksim und angrenzenden Stadtteilen den Zugang zum mobilen Internet abschalteten, entstanden neue Hashtags wie VPN (Virtual Private Network) und DNS (Domain Name Server), die darüber informierten, wie trotz der Sperren Zugang zum Internet erlangt werden konnte. In den Regionen der Sozialen Medien etablierte sich somit ein Raum der Selbstorganisation und des Bürgerjournalismus, der den Bankrott der hegemonialen Medien mit ihrer teilweise selbst auferlegten Zensur zeigt und deutlich macht, wie wichtig dieses Moment für das Aufbrechen der von der AKP (der Regierungspartei) etablierten “autoritären Verstaatlichung” ist.

Über die Vorzüge und Schwierigkeiten des Gebrauchs sozialer Medien bei der Organisierung      

Um den historischen Moment, den man als “Gezi Park Bewegung” beschreiben kann, bewerten zu können, müssen wir verstehen, welch wichtige Rolle die Existenz von Sozialen Medien für die Entwicklung der Bewegungsdynamik spielt. In der ganzen Türkei sind Soziale Medien die bedeutenden und unverzichtbaren Werkzeuge gewesen, ohne die Kommunikation und Austausch zwischen den Protestierenden und Demonstrierenden nicht möglich gewesen wäre. In sehr kurzer Zeit, ohne zeitliche oder räumliche Beschränkung waren die einzelnen Individuen in der Lage, eine riesige Anzahl von Menschen zu ereichen, deren Meinungen und Gedanken zu erfahren und so eine Öffentlichkeit zu konstituieren. Ging es zunächst um den Park, formierte sich später in bisher nicht da gewesenem Ausmaß auf den Plätzen eine Bewegung. In allen Ecken des Landes, auf nicht-zentralistische und für alle außerhalb der Bewegung Stehenden auf nachvollziehbare Weise wurden über Netzwerke Nachrichten verbreitet. In diesem Kontext haben die gesellschaftlichen Gruppen, die aufgrund des hegemonialen politischen Diskurses ihre Anliegen nicht zur Sprache bringen können, in folgender Weise von den Möglichkeiten Sozialer Medien profitiert:

Im Kontext der dominierenden Mainstream-Medien, die die Perspektive der Regierung wiedergegeben und zu den Ereignissen geschwiegen haben, wurden die Kanäle der Sozialen Medien nicht nur benutzt, sondern gleichzeitig auch als Alternative gefeiert. Aufgrund der Konvergenz verschiedener Milieus auf den Kanälen der Sozialen Medien (Facebook, Twitter, Instagram, um die verbreitetesten zu nennen) konnten in Echtzeit Multimedia und Artikel getauscht und so sehr kreativ und schnell Slogans entwickelt werden. Auf der Achse des Bürgerjournalismus (der vor allem als Reaktion auf die extreme Gewalt der Polizei begann) entstanden Informationskanäle, Blogs, Wörterbücher (vor allem Eksisözlük) und öffentliche Webplattformen. So entstand ein Infopool bzw. eine Datenbank der Ereignisse, die ständig und innerhalb kurzer Zeitabstände aktualisiert wurde. Um in Notfällen und bei Bedarf effektiv Wissen und Quellen zur Verfügung stellen zu können, wurden Free- bzw. Opensource-Anwendungen entwickelt, deren Quellcodes in solidarischer Weise auf Socialmedia-Plattformen geteilt wurde. Um die Gefahr von Internet- und Socialmedia-Blockaden zu umgehen, wurden alternative bzw. offene DNS- und VPN-Einstellungen verbreitet.

Die Sozialen Medien und das Internet haben nicht nur zur Ernsthaftigkeit, Entschlossenheit und dem Funktionieren des Widerstands beigetragen, sondern auch bei der Aufrechterhaltung der karnevalesken Atmosphäre eine entscheidende Rolle gespielt. Die Nutzer, die Opfer der brutalen Polizeigewalt geworden waren, die verletzt oder verhaftet wurden oder ihnen Nahestehende verloren hatten, transformierten Sociamedia in eine Ironiemaschine gegen Demoralisierung und Einschüchterung. Humor wurde als Methode benutzt, um die in der Auseinandersetzung mit dem Staat erfahrene Gewalt in einen symbolischen Sieg zu verwandeln. Die symbolische Verhöhnung der Begriffe und Symbole des Staates, der hegemonialen gesellschaftlichen Codes, Institutionen und Begriffe (“DövenPark”, “Tomalı Hilmi”, “GazıLay”, “Sahibinden Satılık Polis Olaylarina Müdahale Araci”) haben in den dunkelsten und aussichtslosen Momenten dieser Tage eine wichtige Rolle dabei gespielt, die Angstschwelle zu überwinden. Beispiele von kursierenden Karikaturen wie “Wenn es keinen Park mehr gibt scheiße ich eben ins AVM” (AVM = Einkaufszentrum), gesagt von einem Hund oder “Wenn die Regierung soviel Gas spritzt, muss ihr Ende nahe sein” sind ein grotesker Ausdruck dieser karnevalesken Stimmung.

Die im Internet kursierenden lustigen Geschichten von Aktionen und Erlebnissen haben dazu beigetragen, dass die Bewegung ihre eigenen Mythen kreiert hat, und zusammen mit Ironie und Humor eine eigene affirmative und vereinigende Sprache der Aktion geschaffen wurde. Leute, die die Polizeinummer 155 anriefen und Gas bestellten, den Polizisten auf der Gegenseite aus den Stadien bekannte Schlachtrufe entgegenriefen, die CNN-Türk anriefen um den Angestellten mitzuteilen “Ich bin bei einer Aktion, kann gerade die Pinguin-Doku nicht sehen” (CNN-Türk hatte während der Aktionen statt Nachrichten über die Ereignisse eine Dokumentation über Pinguine ausgestrahlt) verdeutlichen, wie Humor eine hass- und wutstillende Wirkung auf die Bewegung ausüben konnte und die Energie stattdessen in eine positive Richtung lenkte. Dazu muss man allerdings auch sagen, dass eine der negativen Erscheinungen war, dass eine Reihe dieser Slogans sexistisch, ausgrenzend oder beleidigend waren. Um einen Eindruck von der Spannbreite zu bekommen, kann man folgende Links besuchen:

HYPERLINKhttp://duvardageziparki.tumblr.com/http://duvardageziparki.tumblr.com/

HYPERLINK http://ismetberkan.blogspot.com/2013/06/bu-da-eylemin-duvar-yazlar-arsivi.html?spref=twhttp://ismetberkan.blogspot.com/2013/06/bu-da-eylemin-duvar-yazlar-arsivi.html?spref=tw

Trotz der offenen Atmosphäre und der simultanen Kommunikation gab es auch ideologische Vereinnahmungsversuche bestimmter Gruppen unter Nicht-Beachtung der Netiquette. Ein Übermaß an Informationen kann dazu führen, dass bestimmte Entwicklungen und Situationen falsch bewertet werden und sich Fehlinformationen verbreiten. Anfällig hierfür sind gerade auch soziale Bewegungen, die nach nicht-zentralistischen Prinzipien selbst organisiert sind. Die Vielfalt der zur Verfügung stehenden Informationen und ihr nicht immer aktueller Charakter können das Vertrauen in die Quellen unterminieren. Auch die Verbreitung von radikalen Ansichten und infolge dessen von Hassreden und –vergehen kann durch den Gebrauch von Hashtags, deren endlosem Teilen und den Reaktionen darauf begünstigt werden. In der Türkei wurden Soziale Medien immer wieder Ziel von staatlichen Zensur- und Einschüchterungsversuchen. Korrelieren diese Versuche mit dem Entstehen einer sozialen Bewegung, können sie Panik in dieser auslösen. Besonders die in Twitter angelegte Konkurrenz um Trendthemen (trending topic) kann fördern, dass Falschmeldungen und irreführende Informationen in Umlauf gebracht werden, was mittelfristig das Vertrauen in diese Medien untergraben kann.

Es gibt auch Beispiele, wo Nutzer versuchten, durch die Kreation von Hashtags bewusst die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Manipulationsversuche fanden vor allem mit Nachrichten über Schwerverletzte und Tote statt, da diese sich naturgemäß in Windeseile über soziale Medien verbreiten. Auch etwa die falsche Nachricht, dass Polizisten den Dienst quittierten, weil sie mit der von der Polizei ausgehenden Gewalt nicht einverstanden waren, machte die Runde. Umgekehrt wurden Aktivisten durch falsche Telefonnummern, über die angeblich Ruhe- und Rückzugsräume bekannt gegeben oder auch Unterstützung angefragt werden konnte, in Wirklichkeit in die Arme der Sicherheitskräfte getrieben.

In solchen Situationen des „Trollens“ kann es hilfreich sein, wenn Spezialisten aus bestimmten Bereichen wie z.B. Journalisten aus den Mainstream-Medien, die sich nicht mehr der Selbstzensur unterwerfen oder Gezi-Park unterstützende Künstler und Parlamentsmitglieder (im aktuellen Fall besonders Sırrı Süreyya Önder von der BDP) über ihre Socialmedia Accounts bestimmten Meldungen entgegentreten und auf diese Weise wieder das Vertrauen in die Medien herstellen. Die Nutzer sollten im Fall einer unethischen Nutzung der sozialen Medien einen kühlen Kopf bewahren und vor dem Teilen und Verbreiten von Inhalten den Wahrheitsgehalt zweimal überprüfen. Festzuhalten bleibt, dass Desinformationen in sozialen Medienumgebungen verstärkt werden, weil der Mainstream der traditionellen Medien seiner Aufgabe nicht nachkommt.

Man muss an dieser Stelle vielleicht noch einmal betonen, dass die überwältigende Mehrheit der Nutzer unter dem Druck der extremen und überproportionalen Polizeigewalt einen verantwortlichen und effektiven Umgang mit dem Sammeln und Teilen von multimedialen Informationen, dem Teilen von Links und den Verbindungen zwischen ihnen durch die Hashtags #direngeziparkı, #direnankara und #direnizmir gezeigt hat und dadurch den an der Bewegung teilnehmenden Aktivisten wertvolle Informationen bereitgestellt hat. Mit diesen Informationen konnen wiederum Trolle und Desinformation wirkungsvoll bekämpft werden. Menschenrechtsverletzungen, Tote und Verletzte, Angriffe, das Abschalten des Internets, der Gebrauch von Chemikalien usw. konnten mit den zur Verfügung stehenden Geräten wie Mobiltelefonen, Smartfons, Tablets dokumentiert und als Video, Bild, Text sofort über Soziale Medien geteilt, durch Hashtags gruppiert und auf diese Weise wirkungsvoll verbreitet werden.

Beispiele für diese erarbeiteten Inhalte sind:

Landkarten   

HYPERLINK
  “http://occupygezimap.com/http://occupygezimap.com/
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HYPERLINK  “http://www.itusozluk.com/atlashttp://www.itusozluk.com/atlas
HYPERLINK  “https://crowdmap.com/map/turkiyebaharihttps://crowdmap.com/map/turkiyebahari
Beweise für die unverhältnismäßige und exzessive Polizeigewalt:
HYPERLINK  “http://delilimvar.tumblr.com/http://delilimvar.tumblr.com/
HYPERLINK http://direnizmir.tumblr.com/post/51971813039/izmirde-polis-gercegi-birinci-agizdanhttp://direnizmir.tumblr.com/post/51971813039/izmirde-polis-gercegi-birinci-agizdan

Kontakt: Boğaziçi Radyo
HYPERLINK http://live.arkent.web.tr/http://live.arkent.web.tr/

Mobile Übertragung aus Ankara 
HYPERLINKhttp://www.ustream.tv/channel/ozererdogan?utm_campaign=ustre-am&utm_source=14648115&utm_medium=socialhttp://www.ustream.tv/channel/ozererdogan?utm_campaign=ustre-am&utm_source=14648115&utm_medium=social
 HYPERLINKhttp://www.ustream.tv/channel/uguroz?utm_campaign=t.co&utm_source=14664261&utm_medium=social” \t “_blank”http://www.ustream.tv/channel/uguroz?utm_campaign=t.co&utm_source=14664261&utm_medium=social

Sofern die mobile Breitband-Internetverbindung funktionierte, konnten insbesondere Live-Übertragungen über Plattformen wie Ustream einerseits verbreiten, was die Mainstream-Medien nicht verbreiten wollten oder konnten, andererseits konnte Desinformation über die Sozialen Medien einigermaßen verhindert werden.

In Zeiten, in denen der Informationsfluss nicht in Echtzeit realisiert werden konnte, wurden Fotos und Videoaufnahmen zusammen getragen, die als Beweismittel gelten können und eine große Rolle spielen werden. Hier muss vor sich Augen gehalten werden, dass das Aufnehmen insbesondere während der Eingriffe bzw. Krawalle sehr schwer ist. Vorausgesetzt für eine sichere Beweisführung ist die Zusammenfassung von möglichst vielen Aufnahmen aus möglichst vielen Aufnahmewinkeln.

All diese Inhalte kann man als üre-tüketici (Zusammenfassung der Worte üretici und tüketici -Produzent und Konsument, vergleichbar dem Begriff Prosumer) und als Revolution der nutzerbasierten Inhalte bezeichnen. So lange die traditionellen Medien ihre Bildschirme und Mikrofone den Ereignissen gegenüber stumm schalten und Autozensur ausüben, wird die Erzeugung von Inhalten durch Nutzer immer weiter steigen.

Die Rolle der Sozialen Medien in der Beseitigung von Informationsasymmetrie   

Bei friedlichen Bürgerbewegungen ist der größte Vorteil der Regierungen die Informationsasymmetrie. Dies bedeutet, dass die Regierung während der von ihnen abgelehnten oppositionellen Protestbewegungen Informationen besitzt, dies aber nicht für die Bürger, die ihre Bürgerrechte nutzen, gilt. Diese Informationen umfassen Makro- oder Mikroebene. Als Informationen auf Makroebene werden nationale und internationale Einschätzungen der Lage und die Lage der Bewegungen in anderen Teilen des Landes oder der Welt bezeichnet. Als Informationen auf Mikroebene hingegen bezeichnet man Informationen etwa über die Situation der Verletzten, Rettungswege oder die Position von Sicherheitskräften.

Die Machthaber haben, wie der Name schon sagt, keine Probleme an Informationen auf der Makro- und Mikroebene zu gelangen. In einem Umfeld, in dem die Medien von oben nach unten streng organisiert werden, versuchen die Sicherheitskräfte, die Bürgerbewegungen mit Gewalt oder mit der Androhung von Gewalt zu unterdrücken. Diese gewohnte Situation unterliegt seit einigen Jahren einem Änderungsprozess. Mit der Ausbreitung der Sozialen Medien haben die Bürger nun nahezu die gleichen Möglichkeiten über Kommunikationsmittel an Informationen auf Makro- und Mikroebene zu gelangen wie wie die Machthaber.

Mobilgeräte mit Internetzugängen haben während der Proteste die Bewegungsmöglichkeiten in außergewöhnlicher Weise erleichtert. Apps wie Twitter und Facebook haben das bisherige Handicap, nämlich die Voraussetzung, dass die Aktivisten sich untereinander kennen, aus dem Weg geräumt. Denn anders als Mobiltelefone, die nur der direkten Kommunikation dienten, haben Apps wie Twitter, die aus einer Quelle unbegrenzt viele Empfänger erreichen, den Bedarf der Bürger an Mikro- und Makroinformation nahezu perfekt erfüllt. Doch diese Situation gilt nur für Internetnutzer. Der Großteil des Volks, der diese Medien nicht nutzt, ist noch immer an die klassischen Massenmedien gebunden.

In der “Occupy Gezi Park” Bewegung haben die Bürger durch die Sozialen Medien die Informationsasymmetrie zu ihren Gunsten aus dem Weg geräumt. Die Sozialen Medien, die während der Arabischen Aufstände und der Bewegung der Indignados (der „Empörten“ in Spanien) eine wichtige Rolle spielten, haben auch eine kritische Rolle beim Erfolg der Gezi Park Bewegung gespielt.

Die Öffentlichkeit hat den beschämenden Zustand der Mainstream-Medien, die während dieser Proteste alle ihre Bildschirme verdunkelt haben, deutlich gesehen. Diese Haltung, die der oppositionellen politischen Bewegung nicht fremd ist, wurde vielleicht zum ersten Mal von vielen verschiedenen Teilen der Bevölkerung erkannt. Fast alle Vertreter der Mainstream-Medien haben es vorgezogen, Naturdokumentarfilme zu zeigen, während Hunderttausende Menschen protestierten und der unangemessenen Gewalt der Sicherheitskräfte ausgesetzt waren.

Ein wichtiger Unterschied zu bisherigen Bürgerbewegungen war bei dieser auf Soziale Medien gestützten Bewegung das, was man als “Kommunikationsstärke” bezeichnen kann. Zehntausende von den Hunderttausenden Bürgern haben während der Proteste alles aufgezeichnet. Dies führte dazu, dass anders als bisher gewohnt, die Medien die Ereignisse nicht untertreiben, falsch Bericht erstatten oder übertreiben konnten. In dieser Situation haben die Sozialen Medien die Leere, die die traditionellen Medien bilden, mit außerordentlicher Wirkung ausgefüllt und die Bürger, die ihr bürgerliches Mitspracherecht nutzten, in Mikro- und Makroebene bestens unterstützt. Diese Unterstützung war so wirkungsvoll, dass der Premierminister Recep Tayyip Erdogan, dessen Kollegen fast ausschließlich Twitter Nutzer sind, Twitter und die Sozialen Medien als “Plage der Gesellschaft” bezeichnet hat. Mit dieser Aussage wurden die Sozialen Medien plötzlich zum Sündenbock. Unter Tausenden von visuellen und auditiven Medien wurden zehn bis zwanzig Fotos und Videos explizit ausgesucht, mit denen man versuchte, die “Unzuverlässigkeit” der Sozialen Medien zu betonen. Anstelle die Sozialen Medien als Sündenbock darzustellen,  muss in einer demokratischen Gesellschaft jedoch die Rolle von Sozialen Medien in der Abschaffung der Informationsasymmetrie und der Unterdrückung der Bürger erkannt werden.

Als letztes ist es notwendig, unsere grundlegende Besorgnis über die Art und Weise der Nutzung neuer Medien und die Sicht auf deren Umfeld zu erläutern. Es ist unabdingbar, über den Hintergrund dieser Besorgnisse und entsprechende Lösungswege nachzudenken. In erster Linie geht es dabei um die Probleme, die entstehen können, wenn soziale Medien überwacht, gefiltert und durch DPI (Deep Paket Inspection) kontrolliert werden. Die Öffentlichkeit ist nicht besonders gut informiert, wen es darum geht, dass der ITK-Monopolist TTNET in großen Stil Netzneutralität verletzt und DPI betreibt. Staatsangestellte gingen auch schon so weit anzukündigen, dass sie “das Internet abschalten” könnten.

Wir sehen auch mit Bedenken, dass Soziale Medien auf Twitter und Facebook reduziert wird. Aktivisten haben selten Zugang zu anderen Webanwendungen oder Free-/OpenSource-Tools außerhalb der bekannten integrierten Services wie Facebook. Der überwiegende Teil der Nutzer hatte nie Zugang zu Schulungen bezüglich der Nutzung sicherer, verschlüsselter Kommunikationskanäle. Zusammen mit der Zunahme nationaler und internationaler Überwachungsbemühungen steigert daher enorm das Risiko für Aktivisten, die über Soziale Medien kommunizieren, Ziel der Überwachungs- und Verfolgungsapparate zu werden.

Bedenklich ist auch, dass durch die Art und Weise, wie die Algoritmen hashtags hierarchisieren und verteilen, Einschränkungen der Informationsvielfalt und von Minderheitenpositionen auftreten und Hassreden präferiert werden können. Es sind diese Schwächen von sozialen Medien, die dann von den Regierungen aufgegriffen und zu ihrer Diskreditierung benutzt werden können. Diese Schwächen müssen bekämpft und beseitigt werden, um die Bedeutung sozialer Medien für eine demokratische und gerechte Gesellschaft zu verteidigen.

Die Notwendigkeit der Entwicklung von Online Tools für die Aktivisten      

Twitter, das während des gesamten Prozesses als allgemeines Kommunikationsmedium genutzt wurde, hat nach Beginn der Bewegung erklärt, dass den Nutzern in der Türkei keinerlei Einschränkungen gemacht werden. Wenn wir auch hin und wieder Abbrüche erlebt haben, gibt es keine Beweise für einen Vorsatz seitens Twitters. Ferner hat die Regierung außer in den oben beschriebenen Arten keine allgemeine Sperrung oder andere Einschränkungen vorgenommen.

Andererseits ist die Kommunikation, die zum Gegenstand der Bewegung wurde, so wertvoll, dass das Schicksal der Kommunikation und das Organisationsnetz nicht Kanälen wie Twitter oder anderen kommerziellen / Eigentümer geführten Anbietern überlassen werden darf. Deshalb ist es unbedingt notwendig, alternative Kanäle zu kennen, neue Werkzeuge zu schaffen und Pläne für den Fortbestand des Netzes bereit zu halten, falls das Internet gesperrt wird. Wir haben im Arabischen Frühling miterlebt, zu welch schrecklichen Zuständen solch eine Sperrung führen kann. Es kann der erste Schritt sein, um die Verbindung zur Außenwelt abzukappen, die Gewalt extrem zu verstärken und unter Ausschluss der Öffentlichkeit Massaker zu veranstalten. Um ein solches Blackout zu verhindern, können wir Fallback-Methoden entwickeln wie z.B. Dial-Up-Verbindungen und uns damit robuste, anonyme und dezentrale Subnetzwerke schaffen. Einzelne Unterstützer können mit einem Telefon und einem Dial-Up Modem oder mit einer auf dem Handy installierten Dial-Up Software Netzwerke schaffen, die die Kommunikation für alle wesentlich erleichtern  werden. Auch starke Knotenpunkte, die auf diesen Netzwerken liegen, können es erleichtern, die Verbindung zur Außenwelt schnell aufzubauen und den Fluss von Informationen zu sichern. Dafür kann Hilfe von NGOs oder Medieneinrichtungen in Anspruch genommen werden. Es gibt verschiedene Alternativen gegen die Zensur der Kanäle. identi.ca steht als gute Mikroblog Alternative zur Verfügung. Neben Blog und Fotoblogseiten wie WordPress und tumblr können leicht einzurichtende und bewegliche Tools die Veröffentlichungsmöglichkeiten über click install, e-mail, tweet oder sms erleichtern und der Weg sein, totale Sperrungen zu überwinden. Auch der sms2tweet Service von EMO ist eine wichtige Einrichtung und muss unbedingt in Betracht gezogen werden. Außerdem ermöglicht es auch der Twitter SMS Service aller in der Türkei Dienste anbietenden Betreiber, Informationen über Twitter zu teilen, wenn es keinen Internetzugang gibt. Wie man diesen Dienst nutzen kann, wird auf den Webseiten der Betreiber erklärt.

Als  letztes wollen wir darüber informieren, wie man alternative Internetzugänge im Falle eines Eingriffs des “Staates” ins Internet oder die Sozialen Medien herstellt.
Dial-up Nummern im Falle der Internetunterbrechung in der Türkei
Tel.                         No: 0046850009990 User: telecomix Password:                         telecomix
Tel.                         No: 00492317299993 User: telecomix Password:                         telecomix
Tel.                         No: 004953160941030 User: telecomix Password:                         telecomix
Tel.                         No: 0033172890150 User: toto Password: toto
Tel.                         No: 0046708671911 User: toto Password: toto
Tel.                         No: 0031205350535 User: xs4all Password: xs4all

Tweet per SMS
Sie  können eine SMS an 4730 mit dem Inhalt “EMO” Leerzeichen senden. SMS,  die an diese Nummer gesendet werden, werden auf Twitter veröffentlicht.
VPN Details
Mit den unten angegebenen Informationen kann eine VPN-Verbindung errichtet und die Zensur im Internet umgangen werden.
Username:                         vpnbook Password: rac3vat9
Server                         #1: euro1.vpnbook.com (Anonymous VPN)
Server                         #2: euro2.vpnbook.com (Anonymous VPN)
Server                          #3: uk1.vpnbook.com (UK VPN – optimized for fast web surfing;  no                         p2p downloading)
Server                          #4: us1.vpnbook.com (US VPN – optimized for fast web surfing;  no                         p2p downloading)
Quelle:                         http://www.alternatifbilisim.org/wiki/Kesinti_ve_Sans%C3%BCr_Durumunda_Alternatif_Eri%C5%9Fim_Yollar%C4%B1
Alternatif Bilişim Derneği
5 Haziran 2013
    

Alternatif Bilişim Derneği Genel Merkezi
Eğitim Mah. Ömerbey Sokak. No:19/2 34722 Kadıköy / İstanbul
Tel/Fax: 0216 418 0 417 http://www.alternatifbilisim.org bilgi@alternatifbilisim.org @altbilisim



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